Papier vs Plastik

[BuchReCycling]

Ich bin letztes Jahr einem gewissen William McDonough begegnet. Dieser Mann hielt bei uns im Bureau einen Vortrag ueber Architektur und darueber, wie Sachen gemacht werden. Der Vortrag war ein bisschen amerikanisch, in dem Sinne dass alles ein bisschen reisserisch war, etwas ueberspitzt. Alles in Allem aber interessant. Ihm passierte waehrend des Vortrages etwas, was vielen auslaendischen Vortragenden hier in China passiert: die Auffassung abstrakter Inhalte sind hierzulande ganz anders (Ironie klappt selten bis nie!). Herr McDonough stellte am Ende seiner Praesentation ein Konzept ueber eine "Gruene Stadt" dar, in dem er eine Stadt visualisierte, bei der alle Wohnbereiche und Servicebereiche unterhalb der Agrarflaechen lagen. Also eine Stadt mit begruenten Daechern, nur ein bisschen umfassender. Meine chinesischen Kollegen hatten ganz offensichtlich Muehe dies abstrakte Konzept als solches zu erkennen. Sie diskutierten lange darueber, wie man zum Beispiel die Traktoren aufs Dach bekaeme, und wie dick dann die Balken sein muessten. Man gab sich aber alle Muehe, dies dem freundlichen Herren aus Amerika gegenueber nicht so anmerken zu lassen ...
Eine Zeitlang spaeter bekam ich einen Link zu einer Internetplattform mit allen moeglichen Vortraegen - TEDTALK (www.ted.com). Dort fand ich Herrn McDonough wieder. Mit ebendieser Praesentation. Seitdem, sozusagen durch einen sensibilisierten Blick, begegne ich dem Mann immer wieder. Kuerzlich habe ich dann sein Buch "From Cradle to Cradle", welches er mit einem Kollegen gemeinsam verfasste, bekommen. Ich lese es gerade an. Tja, seine Praesentation seinerzeit haute mich nicht um, und seine Vortraege sind mir ein bisschen zu dick aufgetragen, aber in seinem Buch gibt es trotzalledem ein paar interessante Stellen. Die beiden Autoren stellen Zusammenhaenge dar, die man so ohne Weiteres nicht geschaffen haette. Das macht sein Thema interessant und recht spannend.
Heute zum Beispiel kam ich zu der Stelle, wo er beschreibt, dass waehrend des ausgehenden 19 Jahrhunderts in England durch die Industrialisierung die Luft so dreckig war, dass die Leute ihre Hemden nur einen Tag lang tragen konnten, weil Kragen und Manschetten schwarz waren. Dies waere heute noch in Orten wie Peking oder Manila so. Donnerwetter, der Mann hat recht! Aber ich dachte das waere ganz normal... Ich kann ein weisses Hemd mit gutem Gewissen nur einen Tag lang tragen - maximum. Danach muss unsere Haushaltsperle an den Kragen.

Aus irgendeinem Grund hat er dies Buch nicht auf Papier drucken lassen, sondern auf Plastik - dieser Widerspruch ist schon erwaehnenswert. Weil auf der einen Seite wird ueber die Probleme, die Ineffizienz und den Energieaufwand im Recycle-Prozess gesprochen, auf der anderen Seite aber bietet er mit dem Buch genau das an. Sein Buch ist wasserfest, dauerhaft haltbar, also biologisch nicht abbaubar und in manchen Gegenden der Welt, wahrscheinlich dort wo die Technik hochentwickelt genug fuer den Warp-Antrieb ist, sogar wiederverwendbar - aber es musste kein Baum fuer das Buch sterben. Ich habe seit geraumer Zeit ein bisschen ueber den Plastikmuell nachdenken muessen. In Peking herrschen gerade die Fruehjahrsstuerme, und in den Vororten ersticken wieder mal die Baeume in Plastiktueten.
Und anscheinend dreht sich irgendwo im Pazifik, so in der Gegend um Hawaii herum, angetrieben durch die Meeresstroemungen eine Art Strudel aus Plastikmuell. Der sogenannte "Great Pazific Gyre" oder der "Great Pacific Garbage Patch", wer Lust hat, sich das mal anzusehen, wird seine Meinung ueber das Plastik aendern.

Also, meine Empfehlung: Das Buch ist lesenswert. ABER...
Um dem Anspruch des Buches nach Wiederverwendbarkeit und Produktzyklen gerecht zu werden, und im Hinblick die Welt zu retten, empfehle ich dass wir das Ding reihum gehen lassen. Mal sehen, auf wieviele wiederverwendete Produktzyklen wir kommen??
Ich mache folgendes: am Tag, wenn ich das Buch zuende gelesen habe, nicht frueher - nicht spaeter (ich bin auf Seite 32), werde ich ins Blog in die Kommentarseite dieses Artikels gucken, und dem Verfasser des neuesten Beitrages das Buch zusenden, als Geschenk (email hinterlassen, ich nehme Kontakt auf). Unter der Bedinung, dass derjenige es ebenfalls weiterverschenkt. Versprochen?

Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things
William McDonough and Michael Braungart

Zugreise nach Hause

[Unterwegs]

Von Suzhou haben wir den Nachtzug zurueck nach Peking genommen. Das erste Mal bin ich so um 1993 mit dem Zug durch China gefahren, was damals einigermassen abenteuerlich war. Nun reist es sich ziemlich komfortabel. Im sogenannten"Soft Sleeper" schlafen 4 Leute im Abteil, jedes Bett hat einen eingenen kleinen Fernseher, Kopfhoerer gibt es vom freundlichen Personal. Die ganze Angelegenheit war sauber und angenehm.



Heute scheint die Sonne, und ich habe von meinem Arbeitszimmer einen guten Blick auf das CCTV-Headquarter, wo sich in der Woche meiner Abwesenheit einiges getan hat. Die Konstruktion, so scheint es, ist soweit fertig. Fassade ran, Teppich rein, und fertig ist die Bude.

 

hier im Bild zu sehen, ganz Links am Bildrand der CCTV-Turm:

 

Olympia-Logos praktisch angewendet

[Bild der Woche]

Dieses Schild habe ich vor ein paar Tagen in Suzhou in einem Cafe gesehen. Eine sehr kreative Umsetzung des Olympia-Logos. 

Daneben noch erkennbar, die Weihnachtsdeko. Die haengt man hierzulande ganz ungern wieder ab. Warum auch? Sieht doch gut aus...

 

China und das Natel

[Brandheiss]

Wenn man einem Italiener die Hand abhacken wuerde, koennte er nicht mehr sprechen, sagt ein urkomischer Witz. So aehnlich erginge es einem Chinesen, dem man das Mobiltelefon wegnehmen wuerde - er waere schlicht und einfach ein halber Mensch. In der Presse lese ich, dass unser Anbieter im vergangenen Jahr in China 68 Millionen Neukunden verzeichnete! Die gesamten 369 Millionen Kunden (!!) telefonieren im Monat durchschnittlich 455 Minuten. Gutes Geschaeft fuer China Mobile.

Suzhou - naechste Ausfahrt: Himmel

[Unterwegs]

Ich bin beruflich fuer ein paar Tage in Suzhou. Das liegt nicht weit neben Shanghai. Fuer die Chinesen kommt gleich nach Suzhou und Hangzhou der Himmel -die beiden Staedte sind, so wird mir das jeden Tag geschildert, die beiden schoensten Staedte in China... Nur mal langsam, denke ich mir da immer, das Land ist gross, und vieles habe ich noch nicht gesehen.

Dies hier ist die Stadt, voller Kanaele, ueberall in der Stadt um im Umland haben sie diese kleinen Kanaele, mit den bezaubernden Haeuschen entlang. Anscheinend ist dieses Kanalnetzwerk vor rund 2500 Jahren entstanden, als sich die Stadt Suzhou formte. Das ist schon was...
Fuer das geuebte Auge des Planers sieht es weniger romantisch aus, wie gesagt, ich bin beruflich hier, aber es hat was. Auch Suzhou sieht sich dem Entwicklungsdruck kaum mehr gewachsen, und hat unser Institut um die Erstellung eines Masterplanes und um Detailloesungen im "Urban Design" gebeten. Ich bin mit dem Thema des "Community Buildings" betraut, interessante Sache. Ich bin das erste mal hier... Die beruehmten Gaerten von Suzhou habe ich noch nicht besuchen koennen; wir sind beruflich hier. Mal sehen was der heutige Tag bringt.

Humorig ist es allemal in Suzhou:
Wir sind auf der, in China nach oben offenen Hotelsternenskala etwa bei 3 1/2 Sternen abgestiegen. Mein Kollege hat vorhin unten in der Rezeption angerufen und bemaengelt, dass einer aus unserer Gruppe Internet im Zimmer hat, er aber nicht. Die Antwort der Rezeption: Du hast noch Glueck, du hast die bessere Klimaanlage...

Lustig?

[Design]

Gerade habe ich ein kleines Auto gesehen, bei dem ich mir erstmal nichts gedacht hatte... dann aber guckte ich genauer hin, und dachte da stimmt doch was nicht. Es sieht irgendwie vertraut aus, aber den Namen und das Logo dieses Wagens kenne ich nicht. Ich kann mir nicht helfen, aber die Kiste kommt einem irgendwie verteufelt bekannt vor. Tja, das kann man ja ganz lustig finden, dass da eine Aehnlichkeit zu einem anderen Fabrikat besteht. Kann man aber auch ernst sehen die Sache. Weil von zufaelliger Aehnlichkeit kann man da nicht mehr sprechen. Eher von voller, bauernschlauer Absicht. Also Jungs, ich denke mir wenn ihr ein eigenes Autodesign entwickeln wuerdet, dann wuerden die Auslaender nicht so'n Geschiss drum machen. Aber wenn ihr dermassen offensichtlich abguckt, dann muss man mal auf den Tisch hauen: So gehts beim besten Willen nicht!



Politik&Spiele

[Brandheiss]

Neueste Nachrichten aus dem Westen Chinas erreichen auch uns hier in Peking. Obwohl dies, was wir hier in China erfahren anders klingt, als das, was wir der internationalen Presse emntnehmen - harmloser; vor allem sieht sich China als Opfer von vereinzelten gewaltbereiten Schlaegern. Die chinesischee Presse spielt das Thema herunter, und betont die Trennung von olympischen Spielen und Politik - ein frommer Wunsch.
Der auslaendischen Presse entnehme ich andere Toene - die wirkliche Begebenheit am Wochenende werden wir wohl nicht so genau erfahren.

Ich werde weiterhin Blog und Politik trennen. Aber solche Meldungen einfach uebergehen erschien mir auch unangebracht ..

Zitat aus der People's Daily Online:

12 policemen gravely injured in Lhasa riot
The riot in Tibet's capital Lhasa on Friday has left 12 policemen and servicemen of the armed police gravely injured, in addition to deaths of 10 civilians, a Tibet Autonomous Region government official said Saturday evening.

Two of the injured policemen are critical, said Zhang Yijiong, deputy Party secretary of Tibet Autonomous Region, at an assembly of local officials in Tibet.

"The sabotage has led to great losses of people's lives and property," Zhang said.

According to preliminary statistics, 22 buildings were set on fire and dozens of police and private vehicles were burnt.

A few vandals carrying backpacks filled with stones and bottles of inflammable liquids smashed windows, set fire to vehicles, shops and restaurants Friday afternoon in a plotted sabotage in the regional capital Friday.

Source:Xinhua

fruehling?

[Brandheiss]

ein bildchen aus meinem digitalen musikabspielgeraet einer bekannten marke zeigt heute, den 10. maerz folgende tagestemperatur in peking an:

 

 

Neues Terminal 3 Flughafen Peking

[Architektur + Stadt]
Waehrend ich weg war wurde ebenfalls schnell mal eben das neue Flughafenterminal 3 in Peking eroeffnet. Der Architekt, ein gewisser Lord Foster, oder Sir Norman, wie wir ihn landlaeufig nennen, sagt es handle sich hierbei um das groesste Gebaeude der Welt. Wir koennen das ja mal so stehen lassen, der Herr kennt sich aus. Gross ist es, das neue Terminal. Ich bin gestern wieder mal druebergeflogen. Und wie ich der Presse entnehme glaenzt das Ding voller Superlative:
Doppelt so gross wie das neue Terminal 5 in London Heathrow
dafuer nur halb so Teuer wie das in London.
Von der ersten Skizze bis zur Eroeffung: 4 Jahre
Terminal 5 Heathrow: 20 Jahre
Kapazitaet soll dann bei 60 Millionen Passagieren pro Jahr liegen, es soll dann alle 30 Sekunden ein Flugzeug landen und starten.

Toll. Aber solche Leistungen kann man nicht einfach so erbringen. Das geht nur, indem die Arbeiter 24 Stunden am Tag das ganze Jahr ueber arbeiten, mindestens 50 000 Arbeiter befanden sich zu jedem Zeitpunkt auf der Baustelle. Buerger und Bauern werden nicht um ihre Meinung gefragt, Anhoerungen oder oeffentliche Bekundungen gab es keine. Ueberhaubt gibt es in einem staatlich verordneten Projekt wie diesem keine Gegenstimmen - sonst liesse sich das Alles gar nicht umsetzen. Gewerkschaften sind in China eh nicht zugelassen, also gibt es schon mal von dieser Seite keine Probleme.
Man gibt sich Muehe hier, um zu den Olympischen Spielen ordentlich dazustehen. Besucher sollen schon beeindruckt sein, wenn sie ankommen. Koste es was es wolle.

Daheim Maerz-08

[Brandheiss]

Leute, ich bin wieder daheim. Nach ein paar Wochen in Europa muss ich erst mal sehen, was sich so getan hat im Staedtle... Um das aufzuholen brauche ich eine Weile, also der Reihe nach:

Unterwegs hatte ich schon die ersten Hiobsbotschaften bekommen, von Tamsin Roberts, die ich noch aus ihrem ehemaligen Job in einem Eventmanagement-Bureau kenne. Sie kuendigte an, dass die Red-T Gallery in 798 nun doch plattgemacht wird - der genaue Termin stand noch nicht fest, aber sie rechnet damit, dass die Bagger jeden Tag anruecken. Die Finale Party am 1. Maerz wurde mit einem Kunstevent begangen. Anscheinend muss die Galerie einem Parkplatz weichen. Nach einigen Jahren Peking bin ich immer noch heilloser Optimist, aber einen Abriss einer Galerie in 798 kann ich auch als den Anfang vom Ende wahrnehmen. Hoffen wir, dass es so weit nicht kommt. Und hoffen wir, dass diese unglaubliche Vernarrtheit in das Automobil auch endlich mal abnimmt. Individualverkehr ist wichtig fuer die Entwicklung eines Landes und der Gesellschaft, aber mehr Strassen und mehr Parkplaetze loesen das Verkehrsproblem nicht.
Ich kam gerade eben erst wieder in Peking an, und trinke gerade ein kleines jetlag-bedingtes Hefeweizen. Ich war noch nicht draussen in 798, aber ich werde dranbleiben...